Offenes Gedränge – Der Designer im Scrum-Zeitalter

»Making life easy« – anders als es das Motto des diesjährigen World Usability Day in München vermuten ließ, stand das Usability-Event dieses Jahr ganz im Zeichen einer Methode  aus der Programmierung. Scrum, die derzeit wohl populärste Agile-Entwicklungsmethode, ist ohne Frage schwer im Trend. Und es scheint momentan für jede Agentur Pflicht zu sein, sie sich in Großbuchstaben auf die Fahnen zu schreiben.

Dass Gestalter dabei scharenweise auf den Zug mit aufspringen (oder von Entwicklern mitgezogen werden) ist da nicht überraschend – ob es auch gut ist, bleibt allerdings die Frage.


Was ist Scrum überhaupt?

Der Grundansatz dieser Methode ist einfach. Er beruht darauf, dass moderne Entwicklungsprozesse so komplex sind, dass eine vollständige Planung zu Beginn des Projekts ohnehin nicht bzw. nur mit vielen Anpassungen während des Arbeitsverlaufs möglich ist. Also macht das »wilde Gedränge« aus der Not eine Tugend und plant in kleinen Schritten; jederzeit in der Lage, den Prozess anzupassen oder zu erweitern. Ein Gesamtkonzept, ein einheitliches Design oder zumindest eine grobe Vorstellung vom Endprodukt – Fehlanzeige.

Das Besondere daran

Im Grunde ist der gesamte Scrumprozess nach dem Baukastenprinzip aufgebaut. Anstatt das ganze Haus zu planen, gibt es eine große Kiste Buntes mit allem, was man sich von dem Heim erwartet. Eine Dachterasse, ein Kamin… und einen Weinkeller wollte man doch auch schon immer mal haben. Ob sich dabei hinter den Gewölbedecken dieses Kellers Marmor oder doch verputzter Rigips verbirgt, ist erstmal völlig irrelevant und es ist dem Keller auch egal, ob der Kamin tatsächlich gebaut wird oder nur ein Traum für den Ruhestand bleibt.

Im Anschluss entscheidet der zukünftige Hauseigentümer über die Priorität der einzelnen Elemente und die Bauarbeiter fangen an zu bauen. Und auch hier greift das Baukastensystem, denn die Arbeiter bauen nur wenige Wochen lang und zwar genau die Elemente, die zu Beginn dieser Zeitspanne ausgemacht wurden, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der Job den Architekten beschränkt sich dabei auf die Herausforderung, dem Ytong-Stein noch etwas Farbe zu verleihen, während er von der anderen Seite bereits mit Mörtel bearbeitet wird. Es kann zwar sein, dass der Bauherr nach einem Monat aufgrund unglücklicher Priorisierung ein wunderschönes Haus mit Kamin, jedoch ohne Fenster hat – doch so oder so, es regnet nicht rein. Und sollte er doch das Licht vermissen, so lässt sich das im Folgemonat beheben, ohne dass dafür das Richtfest auf den nächsten Winter verschoben werden müsste.

Schnell, flexibel, up to date

Wenn man sich die Entwicklung der heutigen Zeit anschaut, scheint es nur natürlich, dass ein solches System einen derartigen Erfolg zu verbuchen hat. Auf Ideen und Veränderungen muss sofort reagiert werden, um mit der Konkurrenz mithalten zu können. Für teils jahrelange Konzeptions- und Entwicklungsphasen scheint kein Platz mehr zu sein.

Und auch im Inhaltlichen bietet die agile Methode sicherlich einige Vorteile. So lassen sich bereits während der Entwicklung Schwachstellen besser erkennen und sofort ausbessern, Elemente können jederzeit unkompliziert hinzugefügt oder entfernt werden und durch die enge Zusammenarbeit wird die Kommunikation im Team gefördert.

Der bedrängte Designer

Während sich Scrum im Bereich Softwareentwicklung nun aber zusehens mehr zu der Methode schlechthin entwickelt, sieht sich wohl jeder Designer irgendwann mit der Frage konfrontiert: Wie lässt sich der Gestalter in diesen Prozess integrieren? Wie erarbeitet man ein schlüssiges Gesamtkonzept, wenn es gar keins mehr gibt? Wie kreiert man ein konsistentes Design, wenn es die Kohärenz zu vermeiden gilt? Sicherlich lässt sich durch konsequente Styleguides und eine entsprechende Flexibilität auf Seiten des Gestalters einigen Problemen entgegenwirken. Weitere Ansätze wären, nur bestimmte Scrumaspekte zu verwenden, die den Designer in gewissen Teilen aussen vor lassen.

Möglicherweise stellt es aber auch einfach den Gestalter vor eine völlig neue Herausforderung und es ist an der Zeit, die eigenen Methoden anzupassen, flexibler zu gestalten und ganz im Sinne der Zeit den effizienten Powerpixler zu erschaffen. Dennoch scheint es, als würde auf diesem Wege nun auch die virtuelle Ebene der Entwicklung und Produktion mehr und mehr von dem Geschwindigkeitshype eingeholt werden, mit dem sich die Produktbranche schon längst arrangiert hat – ob auch die Qualität mit diesem Tempo mithalten kann bleibt offen.

This post was written by Cora
on November 16th, 2011

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